Freitag, 6 Dezember, 2019

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Kaum schaltet man den Fernseher an, sieht man es aktuell überall: Die fünfte Jahreszeit tobt im Rheinland und auch andernorts. Nur wir hier in Norddeutschland bekommen eher weniger mit von der Karnevalssaison. Tatsächlich gibt es Karnevalsvereine, aber die bleiben oft unter sich und sind für die Öffentlichkeit kaum sichtbar. Nicht also so ein Ausnahmezustand wie in Köln, Mainz und anderen Städten. Bei uns heißt es ja auch Fasching und nach der Grundschulzeit verkleidet man sich bei uns nicht mal mehr, wie ich enttäuscht in der fünften Klasse feststellen musste.

Allerdings komme ich ja gebürtig aus Cuxhaven und dort habe ich des Öfteren eine Nebenerscheinung des Karnevals mitbekommen – die Karnevalsflüchtlinge. Sie sind sehr oft zu den günstigen Nebensaisonpreisen dann gerne am Wasser und kommen gerne jedes Jahr. Aber liebe Karnevalsflüchtlinge, es gibt so viel mehr als nur der Strand von Dehnen, Döse und Sahlenburg in Cuxhaven! Hier findet ihr ein paar Anregungen, wo man auch in der fünften Jahreszeit seine Ruhe finden kann.

Städte, die langweilig wirken

Ich erinnere mich noch gut, dass ich letztes Jahr auf einer Pressereise darüber brainstormte, dass ich demnächst Blogposts über Hildesheim und HannMünden schreiben möchte und besonders bei letzteren hieß es: Was will man denn da? Dort ist es doch langweilig!

Ich finde, dass Städte, die manch einer als langweilig bezeichnen würde, auch einen großen Vorteil haben: Man hat wenig Ablenkungen. In meinem Studium in Göttingen sind mir Menschen begegnet, die geradezu Depressionen bekamen, weil sie in der doch verhältnismäßig kleinen Stadt nicht im der Lage waren, alle Kulturveranstaltungen zu besuchen, die für sie interessant oder relevant waren. Ich selbst bin auf dem Dorf aufgewachsen. Da ist Kultur Mangelware. Ab und an touren Schauspielgruppen oder es spielen Laiengruppen. Oder eben plattdeutsches Theater. Aber mehr dann auch eben nicht und die Züge fahren meist so von Hamburg nach Cuxhaven, auch heute, dass ein Besuch im Hamburger Theater oder Musical nicht ohne Übernachtung geht.

HannMünden

Deswegen war zu meinen Göttinger Lebzeiten HannMünden für mich immer etwas wie ein Fluchtort, wenn mir die Decke mal wieder auf den Kopf fiel. Andere Menschen mögen vielleicht eher das Urbane Treiben, aber hier ist es gemütlich, geradezu märchenhaft von der Architektur her und man kann sowohl Wandern, wenn einem nach Bewegung ist als auch durch die Stadt flanieren und in dieses wundervolle Café in einer alten Kirche gehen oder ganz andere Läden entdecken in den mittelalterlichen Bauten, wie ich sie aus dem Norden kaum kenne.

HannMünden ist genau die richtige Mischung zwischen Beschaulichkeit und eben nicht so ländlich, dass man sich schnell langweilt wie das bei mir und Witzenhausen öfters der Fall war. Nach Witzenhausen fährt man maximal 2x oder 3x oder zum Kirschen kaufen. Nach HannMünden fährt man immer wieder.

Bild von einer Kirche in der Innenstadt von Marburg nahe der Universität

Marburg ist eine Stadt mit Ausblick. Wer kleine Lust auf Trubel hat, kann dort zu jeder Jahreszeit fernab der Hektik ein paar schöne Tage verbringen und die Kunst, Kultur und Natur in und um die Stadt herum genießen.

Marburg

Für mich persönlich ist diese Stadt zentral in Deutschland eine der Orte, der zur jeder Zeit im Jahr ein Geheimtipp ist. Ich weiß nicht, wie Marburg es anstellt, aber es ist nie überfüllt. Marburg ist eine Insel der Ruhe und auch, wenn gutes Wetter nicht planbar ist, hatte ich bislang bei meinen Reisen dorthin im zweistelligen Bereich nie ein Erlebnis, bei dem ich sagen würde, dass es den ganzen Urlaub versaut. Viele Karnevalsflüchtlinge zieht es ans Meer, aber es muss nicht immer Meer sein, vor allem bei einem späten Wintereinbruch oder Sturm ist das eher vergebene Liebesmüh. Auch wenn wir gerade einen tollen Frühlingsstart erleben, gibt es noch mehr als das Meer und auch die kleine Stadt an der Lahn kann durchaus charmant sein. Parks, ein wenig bergig, Wasser, sogar ein Späti direkt am Campus – hier gibt es alles, was das Herz begehrt.

Im Grunde genommen ist es hier ein ähnlicher fall wie HannMünden, nur eben, dass es mehr ist als nur eine Kleinstadt – hier kann man auch nach Herzenslust Shoppen gehen und hat auch eine gute Auswahl an Kulturereignissen, wenn einen Wandern oder sportliche Aktivitäten oder Flanieren einen nicht allein reizt. Für Rheinländer ist Marburg nur einen Katzensprung entfernt und kann nachhaltig und schnell mit dem Zug erreicht werden. Die Auswahl an Hotels in der Stadt ist gut und komfortabel. Einem Kurztrip dorthin steht also nichts im Weg!

Bild von der Lübecker Altstadt mit Wasser im Vordergrund

Lübeck ist mehr als nur Marzipan oder ein süßes Anhängsel von Hamburg. Diese Stadt ist eine unentdeckte Perle im Norden Deutschlands, die deutlich mehr Besucher verdient hätte. Andererseits ist es ja auch gut. So kann man Lübeck noch immer als Geheimtipp genießen.

Lübeck

Die Hansestadt ist ideal für alle, die ein wenig den Norden erkunden wollen und denen Hamburg und die Landungsbrücken am Wochenende zu voll sind. Auch das Holstentor ist manches Mal überlaufen, aber Lübeck ist eine Stadt, in der man immer wieder Ecken zum Verweilen findet. Ich habe als aktuelle Teilzeitstudentin das große Glück, Freunde in dieser Stadt zu haben und gratis dorthin reisen zu können, daher nutze ich auch außerhalb der fünften Jahreszeit diese Möglichkeit. Allzu weit zum Meer ist es auch nicht. Aber noch reizvoller ist das große Angebot an schönen Cafés. Und nicht zu vergessen Marzipan! Jeder Mensch im Norden weiß, dass Lübeck die Marzipanhochburg ist.

Aber glücklicherweise geht es nicht nur um Marzipan. Wer wie ich gerne malt, wird dort tole Motive für Urban Sketchen Aquarelle (in meinem Fall) oder eben zum Fotografieren finden. Und ehrlich gesagt hat die Lübecker Klinker Romantik für mich auch das große Potenzial, große Instagramtauglichkeit zu erlangen. Denn all diese schönen Ecken sind auch sehr gut, um Fotos mit Menschen darauf zu schießen. Also schade eigentlich, dass man immer wieder die drei selben Alstermotive aus Hamburg in vielen Accounts national oder international findet mit reimretuschierten Schwan, als wären sie Wiederholungen einer bekannten Nerdserie auf einem Privatsender. In Lübeck hingegen gibt es viele Ecken für Fotos, die sehr eindrucksvoll sind, aber gleichzeitig frisch und unverbraucht.

Potsdam

Ja, jeder von uns will nach Berlin, aber habt ihr schon mal einen schönen Tag in Potsdam verbracht? Oft fühlt man sich wie in Paris oder Versailles. Trotzdem hat man das große und pulsierende Berlin in der Nähe. Mich reizen vor allem immer wieder die prunkvollen Bauten und ausgedehnten Parkanlagen, den Berliner Trubel zu verlassen. Denn wenn ich schon innerhalb von Berlin oft viele Stunden fahren muss, warum dann nicht gleich auch die Auszeit genießen in einer Stadt, die eben viel weniger Trubel bietet und in der die Seele einfach mal durchatmen kann?

Mein erstes Mal Potsdam verbinde ich mit einer schrecklichen Klassenfahrt am Ende meiner Schulzeit der Sekundarstufe 1. Die Lehrerin war jung und hatte den Zeitplan viel zu eng gestaltet, wir hatten keinerlei Freizeit und unsere Jugendherberge war an einem See nahe Potsdam, wo wir ständig von Wildschweinen attackiert wurden. Damals fand ich die Fahrerei durch Grunewald runter ins grüne Brandenburg echt  schlimm. Aber wenn ich heute eine Woche oder zwei in Berlin arbeite, dann ist es genau diese Zugfahrt, die mir sagt, dass ich jetzt abschalten kann.

Die Klippen von Rügen

Die kaltweißen Klippen kennt wahrscheinlich jeder, aber Rügen ist so viel mehr als nur der Kaiserstuhl.

Usedom und Rügen

Ich bin kurz vor der Wende geboren. Bei mir war es also immer so, dass ich zwischen Nordsee und Ostsee bei er Urlaubsplanung wählen kann und besonders meine Eltern zog es mit uns Kindern an die Ostsee, weil wir das Norddeutsche Wattenmeer direkt vor der Haustür hatten. Damals Mitte der 90er waren diese Urlaubsgebiete wirklich spannend und für mich haben die Seebrücken von Benz und Ahlbeck nie an Bedeutung verloren. Besonders Usedom ist einer meiner  Sehnsuchtsorte. Ich war dort selten Schwimmen – für mich zählt eher die Promenade, das Flanieren und das genießen das tollen Wetters. Handy aus, keine Kamera mit und einfach mal im Moment sein. Leider muss ich gestehen ,dass dieses Reiseziel auf Schiene zu erreichen etwas umständlich ist. Wäre die Zugverbindung besser, würde ich wahrscheinlich öfter mal ein Wochenende auf Rügen oder Usedom abschalten von der digitalen Dauerpräsenz im aktuellen Hochschule- und Arbeitsalltag.

Wer also nicht eine halbe Tagesreise einplanen möchte, um erst einmal dorthin zu gelangen, dem empfehle ich das Auto. Es geht ja in diesem Blogpost darum, Karneval zu entfliehen. Und von südlichen Rheingebieten bis an die Ostsee ist es eben auch eine Strecke. Auch, wenn es mir als Nachhaltigkeitsfan ein bisschen in der Seele wehtut Aber ich komme selbst aus der Region Cuxhaven. Hier ist es auch nicht unmöglich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen, da wir Hamburg ganz in der Nähe haben. Aber ich kenne meine Pappenheimer. Und ich pendele viel zwischen Hamburg und Cuxhaven oder auch Bremen und Cuxhaven und nutze beide Strecken regelmäßig. Da schnappt man vieles auf, was die Touristen aus NRW oder anderen Teilen Deutschlands so von der Anreise halten.

Ist Reisen vielleicht gar nicht das Richtige?

Auch als Karnevalsflüchtling muss es keine Weltreise sein. Als Schwangere, als Familie mit kleinen Kindern oder eben auch, wenn man pflegebedürftige Familienmitglieder hat, dann ist das Reisen nicht ganz so einfach. Jeder von uns hat ein Phasen im Leben, da sind lange reisen nicht möglich. Bei mir ist es gerade auch die Pendelei zwischen den Städten Hamburg, Oldenburg und Cuxhaven, die ich täglich auf mich nehme, die mich ein bisschen in eine Stimmung von Verdruss bringen. Noch mehr Zugfahrten? Noch mehr an Terminals stehen? Nein, danke! Daher fahre ich momentan nur an den spärlich vorhandenen Tagen mit Freizeit maximal nach Bremen oder bleibe ganz in Oldenburg, Cuxhaven oder wo immer ich auch bin. Ich spiele aktuell manchmal gar mit dem Gedanken, meinen Schlafsack im Atelier zu parken, um einfach mal einen schönen Sonnenaufgang an der Außenlaster zu erleben anstelle von 3 bis 6 Stunden Zugfahrt zwischen 2 Arbeitstagen. Und nein, im Norden ist wie gesagt auch kein Karneval, der Pause macht. Der größte Umzug in Sachen Karneval, den ich kenne, findet in Bremen statt. Und ich verpasse diesen Umzug jedes Karneval aufs Neue.

Einfach raus!

Und es gibt so viel mehr da draußen als nur die Tipps, die uns ein Blog oder Pinterest gibt. Zum Karneval entfliegen muss man keine Weltreise machen. Oft sind es die Caf’és am Ende der Straße des Viertels, das neue Kulturzentrum oder eine unentdeckte Straße gleich um die Ecke spannender als manch ein Kurztrip quer durch Europa. Ein warmes Getränk an einem lauschigen Ort bei prasselnden Regen oder ein schöner Spaziergang am Wasser bei schönsten Sonnenschein und milden Wetter – egal, ob nun Alster, Weser, Spree oder Rhein –  kann so viel erfüllender sein. Ich bin mir dessen bewusst, das Reisen heute wie auch schon seit Jahrzehnten ein Statussymbol ist. Viele Menschen in meinem Umfeld reisen gar nicht oder vielleicht mal alle drei Jahre auf eine Insel in die Nordsee oder Ostsee, weil eben ein Hausbau oder die Finanzierung der Kinder Vorrang hat. Die digitale Gesellschaft spornt dazu an, immer “dabei” zu sein – ob nun Skiurlaub in Schneemassen, während es bei uns im Norden kaum Schnee gab oder eben eine Flucht an den Strand bei trüben Wetter, hippe Städtetrips im Sommer …

Jeder Ort kann ein schöner Ort sein und jede Zeit eine tolle Zeit. Was nutzt der tollste trip rund um die Welt, wenn man die ganze Zeit an seinem handy hängt? Vielmehr kann man sich auf die Momente konzentrieren, die sich nicht mit einem Smartphone einfangen lassen. Handy aus, Kopf frei machen und einfach mal im Moment sein.
Momentan geht das mit dem Reisen nicht, aber wenn ich einfach mal meine Arbeit an die Außenalster verlege oder den Nachmittag nach einem Workshop einfach Spazieren gehe, vielleicht auch mit Hintergedanken, Reiseblogtipps zu finden oder zukünftige Fotolocations, dann gibt das mir viel mehr Kraft und Entspannung als so manche Reise, die für mich Extrastress bedeuten würde.

Karnevalsfest in Köln bei Nacht

Köln ist für mich und nach Dialog mit vielen Urkölnern und Zugezogenen die perfekte Einstiegskarnevalsstadt. Nur rechtzeitig sollte man eine Unterkunft buchen – sonst muss man in Nachbarstädte wie Leverkusen oder Bonn ausweichen.

Köln

Wer nicht abgeschreckt ist vom Thema Karneval, für den gibt es natürlich auch eine Möglichkeit zum Einstieg. Besonders gut finde ich beispielsweise die Seite der Stadt Köln, die eben auch gute Informationen gibt zum Thema Karneval. Dort findet man auch direkt gute Möglichkeiten, direkt eine Veranstaltung zu finden, die einem zusagt. So ist Karneval für Touristen auch ohne große Ortskenntnis möglich.

Auch, wenn meine persönlichen Wurzeln ein wenig im Norden und sehr tiefen Süden von Deutschland liegen, leben viele meiner Verwandten in Nordrhein-Westfalen und die Kölner Verwandten sagen immer: “Du kannst uns immer gerne besuchen kommen, nur nicht in dieser einen Woche.” Daher habe ich persönlich wahrscheinlich auch nie eine Verbindung zum Rheinischen Karneval herstellen können, denn ich kenne nur die Sitzungen aus dem Fernsehen und Umzüge, die dann vor allem den öffentlich-rechtlichen Rundfunk dominieren in weiten Teilen Deutschlands, während im Norden das Leben normal seinen Lauf geht.

Allerdings schätze ich Köln als Stadt sehr und würde persönlich diese Stadt auswählen, wenn ich aus einem anderen Teil Deutschlands oder aus dem Ausland komme und den Karneval kennen lernen möchte. Ich glaube, es ist ähnlich wie beim ersten Urlaub auf Mallorca: Man liebt es oder man hasst es, die Schattierungen dazwischen findet man eher selten. Aber wer Party mag, für den ist sicherlich der Kölner Karneval eine tolle Art, in der langen Durststrecke zwischen Silvester und den Osterferien mal ein wenig zu feiern und sich zu kostümieren ohne dafür zu einem Junggesellenabschied zu müssen.

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