Freitag, 6 Dezember, 2019

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Kennen wir das nicht alle? Man kommt in ein fremdes Land, dann muss man sich erst einmal in den Vibe der Stadt einfinden. Liest man Reiseberichte über Brüssel, ist es leider oft nur eine Etappe oder ein Tagesausflug und viele der Dinge, die ihr hier über diese Stadt erfahren werdet, habt ihr vielleicht andernorts noch nicht gelesen. Denn natürlich kann man Brüssel an einem Nachmittag abharken und dann weiter nach Brügge, Paris oder Rotterdam. Aber vielleicht verpasst man auch gerade die spannenden Dinge, die einem doch ab und zu im Urlaub begegnen sollen.

Ankunft mit Hindernissen

Tatsächlich war die Anfahrt über Nacht sehr angenehm und durch eine Freundin, die mir die Stadt zeigen wollte, bin ich erst überhaupt auf die Schnapsidee gekommen, mal in diese mir völlig unbekannte Stadt zu fahren. Sie hat hier mal gelebt, ist also ein Local – so jemanden an seiner Seite zu haben ist da definitiv nicht der schlechteste Weg. Nur ein Problem gibt es nach Ankunft des Busses. Es ist Samstag, wir Damen würden gerne mal die noch nicht gepuderte Nase pudern, weil eine Bustoilette eben eine nicht so schöne Angelegenheit ist.

mittelalterliche Kirche im Zentrum von Brüssel

Brüssel aus den Nachrichten kennt man eher von EU Gebäuden her, Bauten, die man in aller Welt findet. Umso überraschter ist man dann, wenn man in Brüssel einen spannenden Mix findet. Neben einem Neubau eine alte Kirche, hinter einem EU Gebäude eine mittelalterliche Gasse.

Aber weit und breit in Brüssel hat keine öffentliche Toilette auf, die meisten öffnen erst um 9 Uhr. Wir fahren also eine Stunde mit unserem Nahverkehrsticket (7 Euro pro Person pro Tag) zu anderen Stationen. Aber auch dort: Zu, zu, zu. Als wir am Hauptbahnhof ankommen, ist es etwa 6:30 Uhr und gespenstisch leer. Dort öffnet die Toilette um 7 Uhr und wir harren hier im nächsten Café aus, am Tisch an nicht getrunkenen Bechern.

Nun ja, wer hätte gedacht, dass ich die überteuerten Toiletten in Deutschland mal vermisse? Meine Empfehlung an euch ist daher eindeutig: Liebe Reisende nach Brüssel, reist am besten zu einer humanen Zeit mit dem Zug an. Und sucht euch dort ein Hotel. Die gibt es dort ohnehin zu Genüge. Und selbst, wenn das Zimmer noch nicht fertig sein sollte: Dort gibt es auf jeden Fall eine Toilette. Das sollte euch eine Reise nach Brüssel wert sein.

die Passage Galeries Royales Saint-Hubert in Brüssel

Mit der Passage Galeries Royales Saint-Hubert in Brüssel ist es ähnlich wie mit dem Rathaus in Hamburg oder der Alster – am besten macht man hier vor 8 Uhr oder 9 Uhr Fotos, wenn man die Schönheit ohne jegliche Mitmenschen oder Langzeitbelichtungskenntnisse einfangen möchte.

Im Herzen der Stadt am frühen Morgen

Wer nun sagt, dass er gerne fotografiert, dem empfehle ich in der Woche und für mehrere Tage anzureisen. Denn menschenleere Straßen findet man in Brüssel nie an einem Samstag, selbst um 5:30 Uhr. Allerdings ist eine Stadt morgens eine andere, man sieht mehr Armut, normale Campingzelte an einer Kirche, die dort Obdachlose zum Übernachten nutzen. Zwei Stunden später vor dem Hauptbahnhof ist die Stadt eine komplett andere, Touristen mischen sich mehr und mehr unters Volk und Einheimische gehen einkaufen oder zur Arbeit.

Dachte ich bisher an Brüssel dachte ich vor allen an EU Angelegenheiten und hatte mir die Stadt sehr sauber und elitär vorgestellt. Aber nein, auch hier sieh es am Samstagmorgen genauso aus wie in Düsseldorf in der Altstadt oder im Amsterdam, wenn sich das Partyvolk nach einer durchzechten Nacht schlafen legt. Und auch die Metro ist in Brüssel etwas gewöhnungsbedürftig. Das letzte Mal hatte ich so viel Angst in einem Fahrstuhl 2007 in einem Vorort von Prag. Damals bin ich lieber zu Fuß in den 15. Stock gelaufen. In Brüssel ist es nicht anders, die Treppen sind schmal und steil, hier und da tropft es und manche Rolltreppe ist erschreckend schnell. ABER in Belgien gibt es bereits eine gute Alternative, die Stadt bei guten Wetter zu erkunden: Kleine E-Roller, die gefühlt an jeder Ecke stehen. Einfach App laden und losfahren.

in den Parkanlagen beim königlichen Palast im Norden von Brüssel

Leider kommt man nicht immer zum Botanischen Garten innerhalb der Mauern des königlichen Palastes in Laeken am Rande von Brüssel. Aber auch die Bauten rund um die Palastmauern sind schön und an Tagen mit guten Wetter definitiv einen Besuch wert.

Auf zum König

Ein Nahverkehrsticket in Brüssel ist dennoch eine gute Sache, denn es gibt da auch schöne Dinge in den Vororten von Brüssel zu entdecken. Nein, zum Atomium kommen wir noch. Aber erst einmal in Laeken die königlichen Gärten angucken. Dachten wir! Leider hatte meine Freundin und Begleitung aber übersehen, dass man nur zwei Wochen im Jahr in diese Gärten innerhalb des königlichen Palastes als Normalsterblicher kommt. Halb so schlimm. Wer es nur auf das königliche Gewächshaus abgesehen hat: Schaut auf Instagram, es ist definitiv eine Reise wert.

Und mindestens so imposant wie der Skygarden in London. Auf der anderen Seite kann man um den Palast herum aber ohnehin genug entdecken, fotografieren und filmen. Und in meinem Kleid in Rot und Pink machen sogar asiatische Touristen Fotos von mir. Nein, das Mädchen mit den lila Haaren ist nicht adelig oder so. Die macht das immer im Urlaub. Die ist Bloggerin. Das ist schon so ein Völkchen für sich.

ehemaliges Museum mit der königlichen Porzellansammlung im Norden von Brüssel

Obwohl dieses ehemalige Museum beim königlichen Palast geschlossen ist und aktuell teils von Baugerüsten umzäunt ist, hat es nicht an seiner Schönheit verloren. Noch immer besichtigen täglich viele Touristen diese Gartenanlagen am Rande von Brüssel.

Ein Hauch von China

Auch ein König sammelt Dinge und manchmal eben nicht Briefmarken wie meine Oma. Ja, ich habe auch eine Briefmarkensammlung, aber die ist eben geerbt und seit Ende der 80er nicht aktualisiert. Ein König sammelt stattdessen andere Dinge und so kommt es, dass ein chinesischer Pavillon direkt beim Neptunbrunnen am Rand der Palastmauern steht, ihm gegenüber ein japanischer Turm. Wir scheinen gerade die richtige Zeit erwischt zu haben, denn alles blüht in voller Pracht. Am Haupthaus sind Gerüste angebracht, hier war einmal ein Museum mit der Porzellansammlung des belgischen Königs.

Und ich muss bei meinem Vergleich von vorhin zugeben: Sehr schönes und pompöses Briefmarkenalbum, dass man dann auch noch mit der Öffentlichkeit teilt. Heute ist der Park frei zugänglich und auch nicht überfüllt an einem Samstagmorgen. Es gibt eine Schaukel inmitten von Blüten und allgemein habe ich das Gefühl: Vielleicht ist es keine so schlechte Idee neben Anreise mit dem Bus auch mit dem Auto anzureisen. Viele interessante Dinge sind eben nicht in Brüssel selbst, sondern im Umland und man hat zahlreiche Möglichkeiten für Park and Ride.

der japanische Turm in den Anlagen des königlichen Palastes im Norden von Brüssel

Wer neben den Gartenanlagen der alten königlichen Porzellansammlung auch noch Lust hat auf die königlichen Gewächshäuser, hat dazu zweimal im Jahr die Gelegenheit. Wer also nicht die Zeit hat, nach Japan zu reisen, kann sich hier ein bisschen wie in Asien fühlen.

Kommunikationschaos

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Ich hatte in der Schule Französisch, ganze 4 Jahre. Aber diese Schulbücher aus dem Jahre 1982, wo ich als erstes die Vokabeln für Schallplatte und Kassettenrekorder im Jahre 2002 gelernt habe, haben mich leider nicht auf die harte Realität vorbereitet. Kurz gesagt: Beharrt auf euer Recht, Englisch zu reden. Bleibt stark! In Belgien gibt es Wallonisch und Flämisch, ein bisschen wie Französisch und Niederländisch. Aber wahrscheinlich so, als würde man Plattdeutsch mit Bayrisch vergleichen.

Ich bin ja quasi in Skandinavien mit Urlauben als Wochenenddänin groß geworden und da bin ich Englisch gewohnt oder oft auch Deutsch. Und in den Niederlanden wollen alle Deutsch mit mir sprechen, das ist manchmal schon sehr frustrierend. Hier allerdings beharrt manch einer auf sein Wallonisch und kann wahrscheinlich Englisch verstehen, aber will es nicht. Im Zweifelsfall also immer Google Übersetzer parat haben, wenn die Brüssler bis dahin nicht das Weite gesucht haben, kommt ihr im Zweifelsfall mit einem google Übersetzer und dessen Französisch gut weiter.

Achtung Achtung, wir evakuieren den Bahnhof

Ach, so ein bisschen Angst reist ja heutzutage immer mit und lustisgerweise habe ich als die Königin der Vorbereitungen dieses eine Mal nicht die Großveranstaltungen gecheckt. So kam es, dass es am Tag unserer Anreise eine große Pride Veranstaltung mit Straßenmarkt, Demo, Festumzug gab. Nichts Schlimmes, ich war als Jugendliche auch beim Christopher Street Day in Bergen, Norwegen. Hier war es allerdings dann, als wir aus den königlichen Parkanlagen zurückkamen, schon rappelvoll und nicht sehr einladend. Die Krone wurde dem Ganzen noch aufgesetzt, als der Bahnhof evakuiert wurde. Wahrscheinlich, weil dieser einfach zu voll war durch die Gäste der Veranstaltung, die kommen und gingen. Mithilfe einer Onlinekarte haben wir uns dann aus dem Bahnhof herausgeschlängelt. Allerdings: GPS in Brüssel ist eher eine unpräzise Angelegenheit. Ladet euch Offlinekarten herunter und orientiert euch nicht nur über GPS!

Nicht nur Waffeln

Brüssel ist eine Stadt, in der viele Nationen zusammenkommen und ein Mix aus den modernen Hochbauten und geradezu kulissenartig wirkenden alten Gassen zusammenkommt. Manchmal fühlt man sich wie in der Hamburg Hafencity, nur ohne Wasser. Manchmal fühlt man sich wie in einer ruhigen Ecke von Paris oder Amsterdam.

Das Essen unserer Wahl waren tatsächlich Donuts und nicht belgische Waffeln, aber Essen gibt es dort für jeden Geschmack. Auch hier solltet ihr gut darauf achten, dass es eben auch in Brüssel die Touristenlokale gibt – für eine Recherche lohnt sich auf jeden Fall ein gewisser Suchdienst und dessen Bewertungen zu checken

Avocado Gate

Avocados, ethisch ein schwieriges Thema. Eben wie bei vielen Obstsorten, die nicht bei heimischen Klima gedeihen. Aber ab und an mag ich Avocado sehr gerne und war verzückt von The Avocado Show in Amsterdam. Dann hatten wir Sonntag noch so viel Zeit, warum also nicht mal The Avocado Show in Brüssel austesten. Leider hatte aber meine Begleitung an dem Restaurant so gar keinen Spaß empfunden wie ich. Ich hatte dieses Mal eine Pokebowl und war umso überraschter, dass diese auf einem Teller mit Avocadorand serviert wurde. Ja, es war wirklich nicht so toll wie damals in Amsterdam. Aber eben bei mir auch nicht schlecht.

Meine Begleitung hatte hingegen eine Art  Stulle und war ziemlich unzufrieden, weil es wohl ziemlich fad schmeckte. Tatsächlich würde ich daher wahrscheinlich bei der aktuellen Karte dieses Restaurant in Brüssel vorerst nicht nochmal besuchen. Wahrscheinlich hat zu dem negativen Eindruck beigetragen, dass wir beide mitten auf dem Gang saßen, das war ziemlich hektisch und unangenehm.

Eine Metrostation zum Verlieben

Obwohl ich nicht die Metro besonders gelobt habe, gibt es doch zumindest eine Station auf dem Weg zwischen Atomium und Innenstadt, den man gesehen haben sollte. Pannenhuis erinnert mich von der Farbwelt her sehr an einen Raum im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe und ist definitiv für die Fotomotivsucher unter euch eine Reise wert. Sie liegt ohnehin auf dem Weg nach Laeken und zum Atomium.

das Atomium am Stadtrand von Brüssel

Obwohl das Atomium sehr gerne Teil von Brüsseltouren ist, liegt das Wahrzeichen doch ganz am Rande der Stadt im Norden.

Leider nur Plastik

Statt Atomium führte uns einer unserer letzten Wege in Brüssel zu einem Designmuseum. Ich habe Anfang des Jahres Praktikum bei einer Modedesignerin in Hamburg gemacht und war sehr erfüllt davon, neue Inspiration zu gewinnen. Aber ganz ehrlich: Unser Bedürfnis nach einer Toilette hatte uns auf das Museum aufmerksam lassen werden. Und das war vorrangig. Brüssel und Toiletten. In meinem Kopf wird das sicher auch für zukünftige Besuche hängen bleiben.

Bewertet man das Museum nach seinen Toiletten, kann man sagen: Diese war dann auch angenehm und sauber. Die Toilette hatte bei uns allerdings auch positivere Emotionen hinterlassen als dasMuseum. Man soll zu Beginn alle seine Rücksäcke und Taschen in kostenlosen Schließfächern gegen ein Pfand von 1- oder 2€ deponieren. Meine liebe Begleitung ist ähnlich wie ein Mann so ein Rucksackkind: Ungern gibt sie ihr Hab und Gut aus der Hand. In diesem Museum? Keine gute Idee! Denn der Sicherheitsdienst war hier in dem relativ leeren Museum mehr als nur übereifrig. Meine Begleitung wurde schon nach wenigen Minuten vom Sicherheitsdienst angesprochen und zu den Schließfächern begleitet. Und auch ich wurde angehalten, als ich zum Ende des Besuches hin noch einmal auf Toilette und meine Haare richten wollte.

Inhaltlich beschäftigt sich das Museum in seiner Dauerausstellung mit Plastikdesign. Und irgendwie hatte ich mich dahingehend ein wenig betrogen gefühlt, etwa 10 Euro für eine kleine Ausstellung dieser Art zu zahlen. Es ist, als würde man ein Deutschlandmuseum besuchen und es geht nur um ein Bundesland. Das war für mich neben der Rückfahrt des Grauens, über die ich noch einmal gesondert berichten werde, die größte Enttäuschung. Irgendwie eine Moselpackung unter den Museen und viel mitnehmen konnte ich nicht davon, da ich nicht so ein großer Fan von Plastik im Bereich Interieur Design bin. Die temporäre Ausstellung war noch im Aufbau, als wir da waren. Diese war okay, machte aber auch nicht den Etikettenschwindel der Dauerausstellung weg. So waren wir danach ziemlich enttäuscht, weil wir nicht so die Fans von Plastikdesign sind und ehrlich gesagt von einem Designmuseum mehr Vielfalt erwartet haben.

 

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