Bristol – die Perle Englands

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Viele denken automatisch an London, wenn man das Wort England in den Mund nimmt. Kein Wunder, diese Stadt dominiert unsere Gedankenwelt in Sachen Großbritannien. Dabei ist es doch immer so, wie man auch in Frankreich so schön sagt: Paris, das ist nicht Frankreich. Stand zumindest damals in meinem Französischbuch aus dem Jahre 1982. Soll heißen: Paris ist nicht gleichzusetzen mit Frankreich, es ist eine eigene Welt. Und so ist es auch in Großbritannien. London ist eine eigene Welt, eine sehr volle und moderne und riesige Stadt – aber diese Stadt steht nicht für das ganze Land.

Moderne Architektur, Streitart und historische Bauten – in Bristols Innenstadt findet man eine Vielfalt davon.

Wer gerne fotografiert im Bereich Streetart und urban Photograph, kommt an dieser Stadt nicht vorbei. Auch Urban Sketcher können hier tolle Motive finden, denn die Stadt ist vielfältig und immer wieder neu.

Wenn ich mir aussuchen könnte, in einer der Städte Englands zu leben, dann wäre es nicht London, sondern Bristol oder vielleicht auch Manchester. Aber Bristol hat so eine Schönheit, dass man dort eigentlich nie weg möchte. Im Sommer wie im Winter gleicht die Stadt mit überraschend viel Hügeln einem Postkartenmotiv. Glücklicherweise habe ich Verwandtschaft in England und so zu Bristol gefunden und bin glücklich, dass ich diesen Ort habe, an den ich immer wieder reisen kann. Andere fahren jedes Jahr an die Ostsee oder fliegen in die Südsee. Ich kann mir sehr gut vorstellen, das Bristol der Ort ist, wo ich später mit meinen Kindern regelmäßig hinfahren kann.

Was mich an dieser Stadt so fasziniert, verrate ich euch in diesem Blogpost.

Umschauen lohnt sich, denn durch die Hügel in Bristol hat man oft einen unglaublich schönen Ausblick auf die Stadt – nicht nur vom Cabot Tower aus.

Anders als erwartet

Wenn man an England denkt, stellt man sich das Land entweder romantisch verklärt wie das Auenland in Herr der Ringe oder doch eher stark bewaldet wie bei Robin Hood vor. Irgendwie prägen uns all diese vielen literarischen Vorbilder, die wir in unserer Literatur finden. Aber Bristol ist so eine Stadt, die rein gar nicht in mein Bild von England passte. Während die meisten Teile Englands wirklich flach sind und maximal sehr sanfte und mit Schafen besiedelte Hügel die Landschaft zieren und hier und da mal ein Wäldchen zu finden ist, aber man alles in allen nie so wirklich das Gefühl wilder Natur wie in beispielsweise den dichten Wäldern Schwedens aufkommt, ist Bristol eine Stadt, die irgendwie nicht ins typische englische Bild passt.

Natürlich gibt es sie auch, die typischen schneeweißen Reihenhäuserstraßen und Klinkersiedlungen aus roten Backstein, irgendwie typisch englisch, wie eine fein sortierte Legostadt. Aber Bristol hat all diese Hügel, Häuserreihen mit kleinen Häuschen in allen Regenbogenfarben, die unten im Tal sehr dekorativ aussehen und all das Wasser. Es ist in dieser Stadt also beim ersten Besuch immer ein wenig verrückt. Man glaubt, dass man eine kurze Distanz geht, weil die App nur die Luftlinie kennt. In der Realität ist man dann aber 1 Stunde unterwegs, weil es immer nur bergauf und bergab geht.

Auch, wenn die sanften Hügel des Parks um den Cabot Tower sehr idyllisch wirken, dauert es schon seine Zeit, bis man von der Kathedrale dort hochgegangen ist.

Der schönste Blick über Bristol

Wer seine Reise in Bristol starten will, der sollte sich bei all den Hügeln erst einmal einen Überblick verschaffen. Das Schöne an England ist, ist, dass zwar Lebensmittel und Gastronomie etwas teurer ist, aber man nur selten Geld für Sehenswürdigkeiten ausgeben muss. So verhält es sich auch mit dem Cabot Tower im Herzen der Stadt. Nahe des modernen Millennium Square, dem Rathaus und der Kathedrale von Bristol liegt ein schöner Park mitten in den Hügeln.

Dort trifft man vor allem auf Studenten, die sich sonnen und lernen – die Universität ist nur einen Katzensprung entfernt. gerade an diesem Tag habe ich mal keine flachen Schuhe getragen. Ein Fehler, wie sich später rausstellte. Tut es mir am besten nicht gleich und tragt flache Schuhe, denn der Aufstieg zum Cabot Tower ist schon eine kleine Herausforderung und auch nichts für jene, die klaustrophobisch veranlagt sind. Denn der Aufgang ist schon ein wenig eng und einem dann noch welche entgegen kommen … nun ja, dafür ist es gratis.

Mitten in einem Park befindet sich der Aussichtsturm.

Grundsätzlich kann man meiner Meinung nach am besten eine Stadt entdecken, wenn man sich einen Überblick verschafft. So ein Aussichtsturm eigenen sich da perfekt.

Diesen Turm empfehle ich euch absolut zu Anfang, da ihr euch so erst einmal anschauen könnt, was euch in Bristol erwartet. Da gibt es den Hafen, der wirklich schon beinahe Retro in der heutigen Zeit wirkt und eben so gar nicht ist wie moderne Häfen in Hamburg, sondern einen ganz eigenen und sehr touristischen Charme hat. Wir haben viele schöne Kirchen samt Kathedrale und eine Vielzahl hübscher viktonischer Bauten. Und man erahnt auch das Museumsschiff SS Great Britain, was ich jedem bedenkenlos ans Herz legen kann.

Sich einmal wie ein Auswanderer fühlen, der in die Neue Welt aufbricht? Auch das ist in Bristol möglich.

Zeitreise auf einem Schiff

Ich hatte das Glück, eine Jahreskarte für das Museumsschiff SS Great Britain zum Geburtstag zu bekommen. Es steht also fest, dass ich mindestens noch einmal oder zweimal in den nächsten Monaten nach Bristol zurückkehre. Aber auch jedem von euch kann ich dieses Museum direkt am Wasser empfehlen. Es ist wie eine kleine Zeitreise und nimmt uns mit durch die verschiedenen Epochen, als das vom stadtbekannten Konstrukteur Brunel konzipierte Windjammer noch Menschen von Liverpool nach New York brachte oder mit Kohle beladen das gefährliche Kap   Horn passierte.

Heute ist das Schiff der Ort in Bristol, wo man am meisten den touristischen Flair spürt und die Liebe der Briten zu ihrem Museen spürt. Gestehen wir uns doch einmal ein, meist ist in Deutschland so ein Museumsbesuch eine recht leidenschaftslose Sache. Es gibt die alte Schule der Museen, da liest man Infotafel, schaut Exponate an und es herrscht eine Totenstille. Und es gibt die Mitmachmuseen wie das Universum in Bremen, die man aber meist nur mit Kindern und Familie besucht und eher auf die Bedürfnisse der Kleinen ausgerichtet ist.

Selten hat man wohl ein Museum mit solch grandiosen Ausblick wie hier in Bristol.

Während Brunel in Deutschland eher unbekannter ist, ist er in Großbritannien eine bedeutende Persönlichkeit aus der Zeit der Industriellen Revolution.

Nicht nur Infotafeln lesen

In England ist es anders, da ist jedes Museum ein Happening – daher warne ich euch hiermit vor. Betritt mein ein Museum, dann gerät man in einen Sog, als würde man in diese Zeit reisen. Natürlich gibt es auch die typischen Infotafeln und Exponate, aber das Museum lädt Groß und klein zum Mitmachen ein. Man kann sich verkleiden – das ist wirklich essenziell in jedem Museum in England, dass ich bislang besucht habe.

Und überall gibt es mal Mitarbeiter, mal freiwillige Helfer, die einem sehr lebhafte und leidenschaftliche Vorträge über die Geschichte es Schiffes halten. Mal geht es um den Goldrausch in Australien, mal um jene, die ein besseres Leben in der Neuen Welt suchten.Aber ich möchte ja nicht zu viel verraten. Besonders der alte Speisesaal der ersten Klasse hat mich verzaubert. das Licht, das durch all die Decks hier herabscheint, ist wirklich beeindruckend. Und dem Konstrukteur Brunel, der auch viele andere Erfindungen gemacht hat, ist eine eigene Ausstellung gewidmet, die erst im Frühjahr dieses Jahres seine Pforten geöffnet hat.

Bei schönem Wetter finden sich viele Einheimische und Touristen am Wasser.

Auch bei den Christmas Steps kommt man nicht an Streetart vorbei.

Übernachtungen wie ein Einheimischer

In England entscheide ich mich immer bewusst für Airbnbs, denn die Einheimischen sind einfach gastfreundlich und herzlich. Es ist immer, als würde ich neue entfernte Verwandte besuchen, die ich noch nicht kenne. Ebenfalls ist es schön bei meinen Airbnbs gewesen, dass das Konzept des BnB dort auch ernst genommen wird. Es gibt also nicht nur ein Bett zum Schlafen, sondern auch ein Breakfast. Mal ist es sehr europäisch, mal typisch Englisch. All unsere Gastgeber haben sich die Mühe gemacht, mir ein veganes Angebot zu liefern.

In Bristol hatten wir zwei verschiedene Airbnbs, die beide gleichermaßen schön waren. Eines war eher am Stadtrand auf einem Hügel mit einem noch schöneren Blick als vom Cabot Tower. Es war am Abend meines Geburtstags und ich war ehrlich gesagt ziemlich platt, also lag ich schon um 8 im Bett und lauschte dem Streit eines Nachbarskindes mit ihrer Mutter. Das Ganze war wirklich unglaublich britisch und so süß.

“Mama, ich finde es blöd, dass die anderen mich nicht mitspielen lassen.”, quengelte sie in einem feinen englischen Dialekt.

“Liebes, es gibt ohnehin gleich Essen.”, erwiderte die Mutter ruhig.

“Aber ich habe keine Lust auf Essen!”, entfuhr es daraufhin der Tochter mit gebrochener, schriller Stimme. Es klang wie der Anfang eines Wutausbruchs.

Als dann aber die Mutter mit Engelsgeduld und dennoch bestimmt entgegnete: “Schatz, es ist so ein schöner Abend. Warum deckst du nicht einfach den Tisch?”, verpuffte die Wut der kleinen in Nu.

Und das ist das, was ich an Airbnbs so liebe. Du bist nicht nur ein Mensch in einem Hotel, du lebst mitten unter den Menschen. Unser zweites Airbnb war kein Backsteinhaus auf dem Hügel, sondern eine kleine Welt für sich. Unten waren Läden, eine Treppe weiter oben befanden sich kleine, schneeweiße zweistöckige Häuser. In einem von diesen kamen wir in einem geräumigen Zimmer unter, dass traumhaft schön nahe der Innenstadt gelegen war.

Ketten wie New Look und Mark and Spencer gibt es natürlich in jeder Stadt, aber in Bristol findet man auch tolle, kleinere Läden – sei es nun für Kleidung und Schmuck oder eben Spirituosen, für jeden Geschmack ist etwas dabei.

Shopping in Bristol

Bristol hat eine sehr besondere Vielfalt an alternativen Läden, die man nicht überall finden kann. Natürlich, es gibt auch die Einkaufsstraße und Läden wie New Look sind sicherlich einen Blick wert. Aber Dank der Universität und dem Spirit der Stadt gibt es auch viele coole und alternative Läden. dazu gehört das Vx, wo mein Ehemann mal wieder einen Melkshake trank. Das vegane Bistro hat nicht nur Kaffeegetränke, ein wenig Essen und leckeren Kuchen. Es gibt auch eine Art kleinen veganen Supermarkt, wo wir zu unserem Erstaunen die gute deutsche vegane Schlagsahne gefunden haben. Auch schicke Teeläden, Brettspielecafes und Witschcraft Stores lassen sich dort finden. Esoretikläden mögen inzwischen außerhalb der Weihnachtsmarktstände in Deutschland eine Seltenheit sein, aber wer schon in England den morgendlichen sonnenbeschienenen Nebel erblickte, der weiß genau, warum man an einem Ort wie diesen noch ein wenig an Magie glaubt.

Auch bei den Christmas Steps kommt man nicht an der Streitart Kultur dieser Stadt vorbei.

Die Christmas Steps

Ein ebenso schöner Ort zum Einkaufen und der Grund, warum ich definitiv demnächst für ein Wochenende nach Bristol muss, sind die Christmas Steps. Diese Treppe ist gesäumt von vielen schönen Läden aller Art. Ob nun handgefertigter Acrylschmuck oder Naturkosmetik – hier gibt es einige schöne, kleine Boutiquen mit Dingen, die einzigartig sind. Nun kommt allerdings eine Sache, die ich nicht berücksichtigt habe: Viele dieser Läden haben nur am Wochenende geöffnet. Wir haben leider die Stadt zu Wochenbeginn besucht und konnten leider dieses Mal nur einen Teil der Läden von außen bestaunen.

Die enge Gasse mitten in der Stadt ist mal eine ganz andere Art von Shoppingerlebnis.

Aber allgemein lohnt es sich, die Stadt zu Fuß zu erkunden, denn Bristol ist ein spannender Mix aus Streitart, historischen Bauten und viktorianischen Flair. Wer Fotografie mag, wird hier reichlich Inspiration und Fotomotive finden. Einerseits ist die Stadt übersichtlich und ideal für einen Kurztrip, andererseits überrascht einen immer wieder die Vielfältigkeit dieser Stadt aufs Neue.

Die Brücke über den Fluss Avon wird dank zwei Türme verbunden, die sich ähneln, aber nicht gleichen.

Brücke mit Ausblick

Der wohl meistfotografierte Ort befindet sich außerhalb und ist ebenso ein Touristenmagnet wie das eben bereits genannte Museumsschiff. Vielleicht liegt es daran, dass beide Attraktionen denselben Konstrukteur haben. Hierzulande ist uns der Name Brunel eher weniger geläufig, aber dieser Ingenieur aus Portsmouth war ein technischer Pionier im Zeitalter der Industriellen Revolution. Neben Tunneln, Eisenbahnen und deren Stationen oder eben Dampfschiffen und anderen Schiffen erdachte er sich auch einige Brücken. Eine davon ist die Clifton Suspension Bridge nahe Bristol und laut meiner Verwandten das, was man gesehen haben muss.

Auch die Natur rund um die Clifton Suspension Bridge ist den Ausflug wert. Solche Felsen und grün bewachsene Klippen dienen ideal als Fotomotiv.

Leider erlitt Isambard Kingdom Brunel kurz vor der Jungfernfahrt seines größten Schiffes einen Schlaganfall, von dem er sich nie erholte und starb im Jahre 1859. Auch der Fertigstellung seiner Brücken wie die der Clifton Suspension Bridge erlebte Brunel nicht mehr. Wer weiß, was für großartige Konstruktionen er sonst noch erdacht und umgesetzt hätte, hätte er noch länger unter den Lebenden verweilt. Bis heute ist Brunel eine Ikone in Großbritannien und ein guter Gesprächseinstieg, denn er ist bekannt bei alt und jung.

Es ist wohl nicht übertrieben, wenn ich sage, dass die Clifton Suspension Bridge das Wahrzeichen Bristols ist. Sie führt über den Fluss Avon und über eine spektakuläre Schlucht. Zugleich gilt die Brücke auch als Denkmal für den Ingenieur Brunel, da seine Kollegen nach seinem Tod Geld sammelten. So wollten sie den Bau fertigstellen und ihren Freund und Kollegen damit würdigen. Seit 1864 ist die Brücke ohne Unterbrechung in Nutzung. Heutzutage ist die Nutzung für Autos kostenpflichtig, Fahrradfahrer und Fußgänger können hingegen die Brücke kostenlos passieren.

Und wenn man dort ist, kann man auch Clifton einen kleinen Besuch abstatten. Denn es sind gerade die kleinen Orte in England, die oft sehr charmant und liebenswert daherkommen.

Wem Bristol zu Urban ist, hat viele Möglichkeiten, Tagesausflüge ins Umland zu machen.

Den Südwesten Englands entdecken

Wo wir gerade schon bei Ausflügen sind, kann ich euch auch den Ort Bath ans Herz legen. Dieser Ausflug ist mit 20 km Entfernung nur einen Katzensprung von Bristol entfernt. Allerdings fühlt es sich an wie eine komplett andere Welt. Diese Stadt entwickelte sich seit der Zeit von Elisabeth, der Ersten, mehr und mehr zu einen Kurort. Das mag auch am Klima liegen. Durch den Golfstrom ist es hier vergleichsweise mild und angenehm im Vergleich zu anderen Orten des selben Breitengrades. Sehenswert sind hier vor allen Dingen die römischen Bäder, zu denen ich noch in einem weiteren Blogpost berichten werde.

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